Nachklang ...
Mobilitätsmanagement von 0 auf 100 – das Beispiel Schlangen
Wie eine kleine Kommune Mobilität zur Gestaltungsaufgabe macht
Eine Kommune, die Mobilität neu verhandelt
Was passiert, wenn Mobilität nicht länger als Randthema behandelt wird, sondern als zentrale Aufgabe kommunalen Handelns?
Diese Frage stand im Mittelpunkt der letzten Innovation Journey des Mobilnetzwerks Region Hannover. Im Fokus: der Erfahrungsbericht von Henning Schwarze, Klimaschutzmanager der Gemeinde Schlangen – einer Kommune mit rund 9.500 Einwohner*innen, ohne große Verwaltungseinheiten, ohne eigene Verkehrsabteilung, ohne große Budgets. Der Ausgangspunkt war dabei klar – und ernüchternd:
„Mobilität in der Kommune, das war Autofahren. Und tatsächlich sonst nichts.“
Zwar war Mobilität im Klimaschutzkonzept formal verankert, im Alltag jedoch kaum präsent. Genau hier setzte der Veränderungsprozess an – nicht mit einem Masterplan, sondern mit einer anderen Haltung zur Umsetzung.
Vom Machen zum System: Wie Veränderung entsteht
Der Blick nach Schlangen zeigt: Es ist nicht das einzelne Leuchtturmprojekt, das Veränderung bringt, sondern die konsequente Verknüpfung von Haltung, Struktur und Umsetzung.
Netzwerke als Arbeitsgrundlage
Ohne eigene Fachabteilung wird externe Expertise zur zentralen Ressource. Schwarze nutzt Netzwerke gezielt, um Wissen aufzubauen, Projekte zu beschleunigen und sich fachlich abzusichern.
Das Zukunftsnetz Mobilität NRW wurde dabei zum entscheidenden Hebel – nicht nur als Weiterbildungsplattform, sondern als belastbares Austauschsystem.
„Ich bin kein Verkehrsplaner. Netzwerke geben mir den fachlichen Rückhalt, den ich im Alltag brauche.“
Vorlagen, Erfahrungen, Kontakte – vieles entsteht nicht neu, sondern wird geteilt und weiterentwickelt. Mobilitätsmanagement wird so zu einer kollektiven Praxis.
Kommunikation als Steuerungsinstrument
Ein zentraler Unterschied: Kommunikation ist kein nachgelagerter Schritt, sondern integraler Bestandteil jeder Maßnahme.
Pressearbeit, Website, Beteiligungsformate und Aktionen werden von Beginn an mitgedacht – nicht zur Imagebildung, sondern zur aktiven Gestaltung von Akzeptanz und Konfliktlösung.
Am Beispiel des Parkens am Freibad wird deutlich, wie frühzeitige Kommunikation, externe Begleitung und die Einbindung verschiedener Akteur*innen dazu beitragen, auch sensible Themen tragfähig zu machen.
„Kommunikation darf kein Beiwerk sein. Sie entscheidet darüber, ob Maßnahmen funktionieren oder scheitern.“
Quick Wins schaffen Dynamik
Der Einstieg in das Mobilitätsmanagement begann nicht mit komplexen Konzepten, sondern mit schnellen, sichtbaren Maßnahmen.
Ein Winter-Bike-to-Work-Day, ein Pendlerfrühstück um 5:30 Uhr mit dem Bürgermeister, Schulstraßen oder Rollatortrainings im ÖPNV – einzelne Maßnahmen, die für sich genommen klein erscheinen, in ihrer Wirkung jedoch deutlich sind:
- Mobilität wird sichtbar.
- Mobilität wird erlebbar.
- Mobilität wird gewollt.
Diese Logik trägt bis heute. Aktionen wie das Stadtradeln werden aktiv beworben, lokale Sponsoren eingebunden, Beteiligung gezielt gesteigert. So entsteht Schritt für Schritt eine neue Selbstverständlichkeit.
Strategische Verankerung schafft Rückhalt
Parallel zur operativen Umsetzung wurde Mobilität strategisch verankert: als Bestandteil der kommunalen Nachhaltigkeitsstrategie und mit klarer politischer Beschlusslage.
Eine eindeutige Leitlinie zugunsten von Fuß- und Radverkehr gibt Orientierung – für Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit.
„Wir haben die Leitlinie beschlossen, und dann müssen wir ihr auch folgen. Auch wenn das nicht jedem schmeckt.“
Gerade bei konfliktträchtigen Themen wird diese Klarheit zur Voraussetzung für Handlungsfähigkeit.
Was daraus entsteht
Innerhalb von drei Jahren ist in Schlangen ein breites Spektrum an Maßnahmen entstanden: Mobilitätsachsen zwischen Ortsteilen, Fahrradstraßen, Ausbau von Radabstellanlagen, schulisches Mobilitätsmanagement, Fußverkehrschecks mit Beteiligung sowie ein Parkraumkonzept.
Doch entscheidend ist nicht die Anzahl der Projekte, sondern die Art ihrer Umsetzung: kontinuierlich, sichtbar, beteiligungsorientiert und anschlussfähig an bestehende Strategien.
Auch im Austausch mit den Teilnehmenden wurde deutlich, wie relevant genau dieser Erfahrungsraum ist: voneinander lernen, übertragbare Ansätze erkennen und eigene Prozesse reflektieren.
Was wir daraus lernen
- Mobilitätsmanagement funktioniert auch ohne große Verwaltungsstrukturen oder Budgets
- Netzwerke können fehlende Fachressourcen wirksam kompensieren
- Kommunikation ist Teil der Maßnahme – nicht ihre Begleitung
- Quick Wins schaffen Vertrauen, Sichtbarkeit und Handlungsspielräume
- Strategische Verankerung ist die Grundlage für langfristige Wirkung
Ausblick
Die Innovation Journey zeigt einmal mehr, wie wertvoll der Blick in andere Kommunen ist – nicht als Blaupause, sondern als Inspiration für eigene Wege.
Der Austausch im Mobilnetzwerk schafft genau diesen Raum: für Erfahrungen, für Fragen, für gemeinsames Lernen.
Resonanz
Mobilitätswende beginnt nicht mit großen Projekten – sondern mit der Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen und ins Handeln zu kommen.